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30.01.2012 -
Weiterer Preisanstieg für Agrarprodukte zu erwarten
Die Preise für Agrarrohstoffe werden in der nächsten Dekade um nominal 40 % bis 60 % höher sein als im vergangenen Jahrzehnt. Damit eilt der Preis dem Angebotsfortschritt voraus. Davon hat sich der Gießener Agrarökonom Prof. Michael Schmitz auf einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Internationalen Grünen Woche (IGW) überzeugt gezeigt, die unter der Überschrift „Weizen im Tank? Kampf um die Anbauflächen“ stattfand.
Nach den Worten des Prälaten Dr. Karl Jüsten vom Kommissariat der Deutschen Bischöfe in Berlin muss der Flächenverbrauch zurückgehen, wenn die Energiewende vorangebracht werden und Ackerland zur Lebensmittelproduktion zur Verfügung stehen soll. „Agrarhandel muss betrieben werden, er darf aber nicht zur Ausbeutung führen“, betonte Jüsten. Die Präsidentin des Bundes Heimat und Umwelt (BHU), Dr. Herlind Gundelach, erinnerte daran, dass die Landwirtschaft schon immer Herausforderungen gegenübergestellt gewesen sei, beispielsweise durch Zersiedelung, der Einrichtung von Gewerbeflächen oder aber auch in doppelter Weise, etwa durch Infrastrukturprojekte, die Ausgleichsflächen bedingten. Nun gebe es neue Herausforderungen angesichts der Energiewende. Die Flächen würden entweder für den Anbau von Rohstoffen oder den Bau von Windrädern genutzt. Ein „großer Transformationsprozess“ liegt aus Sicht des Präsidenten vom Naturschutzbund Deutschland (NABU), Olaf Tschimpke, vor. Es müssten Fragen geklärt werden, was Wachstum sei und ob dieses noch zeitgemäß sei. Ferner sei zu beantworten, wo Maß gehalten werden müsse. Die Nahrungsmittelproduktion ist dem Präsidenten des Bauernverbandes Saar, Klaus Fontaine, zufolge die höchste und wichtigste Aufgabe der Landwirte.
Schmitz erwartet von der Angebotsseite ausgehende Schwankungen. „Daher liegen Landwirte und Berater richtig, sich mit diesen Risiken auseinanderzusetzen“, erklärte der Wissenschaftler. Nach seiner Auffassung hat die Volatilität der Märkte nicht zugenommen. Vielmehr führe die Liberalisierung der Märkte dazu, dass das Puffervolumen größer werde. Jedoch nehme die Volatilität der Preise zu. Der Wissenschaftler wies darauf hin, dass die Volatilität auf den Weltmärkten kleiner und auf den EU-Märkten größer sei. Diese Unterscheidung sei wichtig, betonte Schmitz. Er betrachtet Spekulationen als „unbedingt notwendig“, da ohne die Spekulanten die Terminmärkte nicht funktionierten. Dass durch sie die Preise gestiegen seien, könne nicht wissenschaftlich belegt werden. Vielmehr entstehe der Eindruck, dass Politiker mit entsprechenden Hinweisen von Problemen ablenken wollten.
Nach Schmitz’ Worten ist der Hunger auf dem Globus nicht vom Weltmarktgeschehen abhängig, da sich die Agrarpolitik vielfach nicht in diese Länder reflektieren lasse. Daher müssten dort erst die Hausaufgaben gemacht werden. Mit Blick auf die Produktionsformen in der Landwirtschaft zeigte sich der Gießener Agrarökonom nicht mit der Diskussion einverstanden, ob eine konventionelle oder ökologische Landwirtschaft die Welt ernähren könne. Vielmehr müsse bedacht werden, dass es Standorte auf der Welt gebe, an denen nur eine extensive Landwirtschaft durchführbar sei, während auf anderen durchaus eine intensive Bewirtschaftung möglich sei. Im Hinblick auf den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen bezeichnete Schmitz den Rückzug von BASF aus Deutschland in die USA als „bedauerlich“ (AGRA-EUROPE 4/12, LÄNDERBERICHTE 45). „Wir sind alle zu der Frage aufgerufen, wie wir auch in 30 oder 40 Jahren noch die Welt ernähren können“, so der Agrarökonom.
Darüber hinaus sieht Schmitz nicht nur im Erhalt der Böden „ein wichtiges Anliegen“, sondern auch bei der Wasserversorgung. Mit Blick auf die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) kritisierte der Wissenschaftler die Vorschläge der EU-Kommission: Wenn man ökologische Vorrangflächen im Umfang von 7 % realisiere, dann würden sich andere Mitbewerber auf dem Weltmarkt „ins Fäustchen lachen“, erklärte Schmitz. Er wies zudem darauf hin, dass viele Faktoren die Marktspanne jenseits der Preise reduzierten, die der Landwirt erhalte. Darüber hinaus seien hohe Preise auf den Weltmärkten nicht schlecht für die Landwirte in Entwicklungsländern; denn dadurch könnten diese wieder investieren und eine Grundlage für die ländliche Gesellschaft schaffen. Im Hinblick auf die Frage, wie die Entwicklung ländlicher Räume im Jahr 2025 aussehen könnte, zeigte sich Schmitz „sehr optimistisch“ beim Standort Deutschland. „Wir haben erstklassige Böden, Wasser, eine erstklassige Unternehmerschaft, die Arbeitsplätze schafft“, hob der Agrarökonom hervor. Mit Blick auf die EU-Agrarpolitik stellte er klar, dass die Erste Säule für das Greening und die Zweite Säule für umweltpolitische Maßnahmen verwendet werden sollte, die wiederum entsprechend ausgestaltet sein sollte.
In Bezug auf die aktuelle Diskussion um die Lebensmittelverschwendung und das Mindesthaltbarkeitsdatum erklärte Prälat Jüsten, dass dies eine Frage von Bildung sei. Ferner müsse dabei bedacht werden, welcher Lebensstil vorliege. „Wir haben positive Erfahrungen mit Lebensmitteln gemacht. Sie sind immer gesünder geworden, wenn aber tatsächlich einmal etwas vorliegt, wird es zum riesigen Skandal aufgebauscht“, unterstrich der Geistliche. Die BHU-Präsidentin erinnerte daran, dass die EU zuletzt Weizennettoimporteur gewesen sei. Zudem nahm sie Bezug auf den Hinweis des Präsidenten vom Deutschen Bauernverband (DBV), Gerd S o n n l e i t n e r , der auf die guten Agrareinkommen aufmerksam gemacht habe. Es müsse geklärt werden, woher diese stammten, also aus den erneuerbaren Energien oder der Landwirtschaft. Gundelach teilte die Auffassung von Schmitz, dass die Biotechnologie genutzt werden müsse, um mehr Menschen ernähren zu können.
Eine Armutsbekämpfung zu Lasten der Böden und des Klimas in Entwicklungsländern dürfe nicht länger betrieben werden, betonte Tschimpke. Nach seiner Argumentation ist eine Diskussion notwendig, wofür die Flächen verwendet werden sollen. Ferner müsse von der Belastungsfähigkeit der Böden und Menschen aus überlegt werden, erklärte der studierte Geograph. Er sieht an dieser Stelle in den nächsten Jahren noch viel zu tun. Mit Blick auf den Fleischverzehr forderte der NABU-Präsident eine Reduzierung des Konsums. Der frühere Sonntagsbraten werde mittlerweile jeden Tag gegessen. Es müsse ferner mehr für die Qualität getan und die Lebensmittel wieder mehr Wert geschätzt werden. Zudem hätten die Landwirte zu niedrige Preise für ihre Produkte bekommen, erklärte Tschimpke. Er bezeichnete die von der EU-Kommission vorgeschlagenen ökologischen Vorrangflächen in Bezug auf die GAP-Reform als „kluge Entscheidung“; er sieht dieses Areal als „wichtig“ an. „Diese Flächen dürfen nicht pauschal abgelehnt werden“, unterstrich der NABU-Präsident. Er erkennt daher auch mit Blick auf das Zieljahr 2025 im Greening den „entscheidenden Schlüssel“. Landwirtschaft müsse mit der Natur betrieben werden; ohne Ordnungsrecht werde es allerdings nicht gehen. Tschimpke nannte den ländlichen Raum als einen der wichtigsten Wirtschaftsräume; die Lebensmittelproduktion sei dort prioritär; erst danach komme die Energieerzeugung.
Fontaine wies in Berlin darauf hin, dass die Landwirte vor dem Hintergrund des Preisanstiegs fossiler Rohstoffe dazu übergegangen seien, erneuerbare Energieträger anzubauen; schließlich wolle man die Familien ernähren. Hierfür seien auch beste Ackerstandorte verwendet worden. Mais sei seit Jahren energetisch stark in der Züchtung vorangebracht worden; zudem gebe es für Mais vielfältige Einsatzfähigkeiten sowohl im Bereich der erneuerbaren Energien als auch für Futterzwecke, erklärte der saarländische Bauernverbandspräsident. Er appellierte darüber hinaus daran, mit Grund und Boden fair umzugehen. Fontaine rief außerdem zur Unterstützung der DBV-Petition gegen Flächenfraß auf. Mit Blick auf seine Visionen zur ländlichen Entwicklung im Jahr 2025 nannte er eine Gleichstellung landwirtschaftlicher Böden mit dem Wald im Bundesumweltgesetz. Zudem führte er weniger Flächenstilllegung auf und forderte einen Bürokratieabbau.







