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02.02.2012 -  

Podiumsdiskussion in Satrup: Wo bleibt der Mensch?

Der Saal war brechend  voll am Mittwoch voriger Woche im Satruper Krog. Mehr als 300 Menschen drängten sich an den Tischen, um die Podiumsdiskussion „Vom Bauernhof bis zur Agrarfabrik – wo bleibt der Mensch?“ zu verfolgen. Eingeladen hatte die Bürgerinitiatve Satrup, die sich angesichts eines geplanten Ferkelaufzuchtstalles gebildet hatte. Gekommen waren nicht nur interessierte Satruper, sondern viele Landwirte aus der Umgebung.


 


„Die Lebensgrundlage von uns Satrupern wird durch die zunehmende industrielle Landwirtschaft bedroht – die Luft wird durch den Austrag von Bakterien, Pilzen, Toxinen, Feinstäuben, Ammoniak und Methan aus den Ställen und der Gülle belastet. Die Gefahr der Grundwasserverunreinigung durch Fäkalien und Medikamentenrückstände nimmt erheblich zu. Der bereits vorhandene Schwerlastverkehr bedroht die Verkehrssicherheit auf Schulwegen und Gemeindestraßen“, legte Michael Heilmann von der Bürgerinitiative dar.


 


Er lobte den kleingliedrigen ländlichen Raum der Region und hob Satrup als „das Herz Angelns“ mit seiner „fast perfekten“ Infrastruktur hervor, die bis zur Kultur, Vereinen und Schulen reiche. Satrup sei ein attraktiver Ort und solle es auch bleiben, forderte Heilmann. Die Dynamik in der Landwirtschaft führe aber zu Entwicklungen, die die Grenze des tolerierbaren verließe. Trotz dieses negativen Einstiegs bekam Heilmann am Ende noch den Bogen und gestand jedem Landwirt zu, dass er in seine Zukunft investieren dürfe. Dies müsse aber sozialverträglich erfolgen. Was bedeutet das? Gemeinden und Bürger seien anzuhören, man dürfe sie nicht durch den Verweis auf das privilegierte Bauen in der Landwirtschaft ins Abseits stellen.


 


Heilmann machte Gesprächsbedarf deutlich. Wichtig sei es, keine Fronten zu schaffen. Aus diesem Anlass habe man die Landtagsabgeordneten aller Parteien eingeladen. Nach diesen versöhnlichen Worten kam die Diskussion der Abgeordneten anfangs nicht recht in gang. Der ehemalige Direktor des Satruper Gymnasium, Dr. Gerd-Uwe Meyer, schaffte es aber viele Themen aufzugreifen und die Zuhörer mit einzubinden. Lars Harms vom SSW erklärte, Ziel müsse es sein, über Gespräche einen Kompromiss zu finden. Dieses zeichne den ländlichen Raum aus. Die Politik müsse dazu allerdings einen Rahmen schaffen, der von allen Bürgern akzeptiert werde. Hierzu gehörten auch Einspruchsmöglichkeiten bei Bauvorhaben im Agrarbereich. Zudem forderte er Regelungen zur Verhinderung von Agrarfabriken. Unklar blieb, wie Harms den Begriff der Agrarfabriken definiert. Er stellte aber in den Raum, dass solcherart Tierfabriken nur mit der präventiven Gabe von Antibiotika laufen könne.


 


Lothar Hay gerierte sich als weiterer Scharfmacher: „Landwirtschaft, wie sie sich derzeit entwickelt, zerstört unsere Lebensgrundlagen“, so der SPD-Abgeordnete. Dieses wollte er nicht als Vorwurf an die Landwirtschaft verstanden wissen. Doch müsse man gegensteuern, und beispielsweise den § 35 des Baugesetzbuches (Priviligiertes Bauen) ändern. Hay spitze zu: „Es besteht ansonsten die Gefahr, dass wir auf unseren Flächen keine Lebensmittel mehr erzeugen können.“ Harms pflichtete bei, dass es eine Aufgabe eines jeden Menschen sei, die Landschaft so zu behandeln, dass sie nicht zerstört werde. Er fragte: „Müssen wir jeden Weg mitgehen?“ Der Landwirtschaft empfahl er, nicht immer auf den internationalen Wettbewerb schielen.


 


Gegen das drohende Bild einer „Ökokatastrophe“, wie die Vorredner es gemalt hätten, wehrte sich Heiner Rickers. Der agrarpolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Landtag ging auf die Charta für Landwirtschaft und Verbraucher ein, die Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner auf der Grünen Woche in Berlin vorgestellt hatte. Hier finde man Lösungsvorschläge. Er verwies darauf, dass der Mensch in einer arbeitsteiligen Welt lebe und dass der Schritt zurück zur verquerten Vergangenheit angesichts einer wachsender Weltbevölkerung nicht möglich sei. Mit dem Blick zurück in die 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts erläuterte der Abgeordnete: „Damals haben wir Gülle verklappt, den Tieren ging es nicht besser, das Image der Landwirtschaft war ebenso schlecht wie der Verdienst und der Staat hat draufgezahlt.“ Heute gebe es keine Überschüsse mehr,  die nachhaltige Erzeugungsweise sei das Wesensmerkmal einer Landwirtschaft, die nicht nur Lebensmittel erzeuge, sondern ebenso auch Energie bereitstelle. Vorhandene Fehlansätze müssten politisch geklärt werden.


 


Hier hakte Bernd Voss von Bündnis 90/Die Grünen ein. Es sei illusorisch zu meinen Deutschland könne die Welt ernähren, indem man auf „Billigfleisch“ setze und dadurch bäuerliche Existenzen im Lande vernichte. Notwendig sei eine breite Debatte zur Tierhaltung. „Wann ist das Maß voll?“ fragte auch der grüne Abgeordnete. Dazu müsse man allerdings auch die Frage stellen: „Wie kommt die Landwirtschaft aus der Tretmühle billiger Lebensmittelerzeugung heraus?“ Voss, selber Landwirt in der Wilstermarsch, forderte aber auch: „Wer hier als Landwirt lebt und investieren möchte, muss seinen Betrieb auch entwickeln dürfen.“ Allerdings sieht er Handlungsdruck bei der Privilegierung landwirtschaftlichen Bauens. Dieses dürfe nicht für flächenlose Betriebe gelten. Des Weiteren müsse der Emmissionsschutz, ebenso wie der Tierschutz verschärft werden. Man dürfe Tiere nicht an die Ställe anpassen. Voss sprach das Schwänzekupieren und Schnabelkürzen an. In Bezug auf die Verbraucherrechte sprach er sich für eine klare Kennzeichnung auf den Produkten aus: „Weidemilch muss auch auf der Weide erzeugt werden!“


 


In der Diskussion um das rechte Maß in der Tierhaltung gingen die Zahlen auf dem Podium weit auseinander. So sprach Heinz-Werner Jezewski, Die Linke, dass Anlagen mit 40.000 Schweinen oder 4.000 Kühe nicht mehr dem Gemeinwohl dienten. Bäuerliche Tierhaltung finde auf Betrieben statt, die das Futter Teil auf dem Hof erzeugten und den „Abfall“ selber verwerteten. Carsten-Peter Brodersen, FDP, forderte auf, sich von der Wunschvorstellung verabschieden, dass ein Landwirt heute noch von 20 Kühen oder 100 Schweinen leben könne. Allerdings sehe er in manchen Bereichen die Notwendigkeit einer besseren Einbindung der Bürger. So er von Biogasanlagenbetreibern die Sozialpflichtigkeit in Form einer Beteiligung an den Kosten für die Bereitstellung der Gemeindewege ein.


 


In deutlicher Form äußerten sich die Bauernverbandskreisvorsitzenden von Schleswig und Flensburg. Hans-Jörg Hagge erklärte, jeder Landwirt wollte seine Tiere vernünftig halten. Er forderte gleiche Regeln für alle. So könne es nicht angehen, dass ein Großteil der in Deutschland verzehrten Eier heute aus Käfigen in anderen Mitgliedstaaten käme. „Sind Sie stolz darauf“ fragte Hagge die Politiker auf dem Podium. Bernd Voss erklärte, es sei in der Tat ein Skandal, dass einige europäische Mitgliedstaaten immer noch nicht auf die europaweit geänderten Vorgaben in der Legehennenhaltung reagiert hätten. Rickers erklärte, man sei beim Thema Tierwohl  auf einem guten Weg, dürfe den Bogen aber nicht überspannen, sonst würden die Tiere woanders erzeugt.


 


Hans-Erich Mangelsen ging auf die kritische Ausbildungssituation in der Landwirtschaft ein. Junge Landwirte seien nach der Diskussion an diesem Abend sicherlich nicht motiviert, ihren Lebensunterhalt als mittelständischer landwirtschaftlicher Unternehmer zu verdienen. Seit 25 Jahren bilde man weniger Landwirte aus eigentlich benötigt werden. Allein dieses erzwinge zumindest einen gewissen Strukturwandel.  „Was sagen Sie den jungen Leuten für die Zukunft?“ fragte Mangelsen die Politiker. Landwirte würden nicht mehr an einen dauerhaften Finanztransfer aus der Politik glauben. Ebenso wenig glaube man, dass die deutsche Verwaltung in der Welt für Gerechtigkeit sorgen werde, formulierte Mangelsen. Brodersen antwortete, der Erhalt der Kulturlandschaft müsse von der Gesellschaft getragen werden. Dennoch rechnet er nicht damit, dass Subventionen in Form der Direktzahlungen langfristig zu halten seien. Jezewski meinte, die Landwirtschaft werde immer mit Tierhaltungsformen zu tun haben, die nicht nach dem eigenen Standard erzeugten. Deshalb müsse man den eigenen Standortvorteil über Innovationen zu suchen. Als innovatives Beispiel nannte er das Bio-Ei.


 


Eine Diskussion entspann sich in Bezug auf die Förderung des Ökolandbaus. Während Heiner Rickers berichtete, die Regierungskoalition hätte die Beibehaltungsförderung im Zuge der Haushaltssanierung ebenso ausgesetzt wie auch die Stallbauförderung, versprach Hey, im Falle einer Regierungsübernahme die Beibehaltungsförderung wieder aufleben zu lassen. Auch Voss stimmte zu, man brauche die Förderung, um das „Leitbild“ des Ökolandbaus in der Fläche zu fördern. Harms forderte, die Förderung im Agrarbereich insgesamt komplett umzustellen. Es müsse in Zukunft weniger um Mengenförderung gehen, sondern darum, gesellschaftliche Forderungen umzusetzen. Auf die Frage von Mangelsen antwortete Rickers, derzeit liefen alle zukünftigen globalen Probleme auf die Landwirtschaft als Problemlöser zu. Er sehe die Chancen der Landwirtschaft weltweit sehr positiv. Voss ärgerte sich über die Kritik an agrarischen Mengenregelungen. Diese hätten den Betrieben erst ein einkömmliches Wirtschaften ermöglicht. Weniger Nachwuchs sei aber auch eine Chance für die Verbleibenden.


 


Hay erläuterte, wenn der Berufstand sich von der Exportfixierung löse, seien die Zukunftschancen in der Landwirtschaft gut. Dann reiche es aber nicht wenn der Bürger faire Preise fordere. Er müsse sie im Alltag auch bezahlen. Jezewski offenbarte eine Extremposition. Die artgerechte Haltung bedeute schlussendlich die Aufgabe der Nutztierhaltung. Er empfahl, keine toten Tiere mehr zu essen. Abschließende Frage von Michael Heilmann, wie die Politik den Lebensmittelhandel in die richtige Richtung zwingen könne, antwortete Hay: „Die Politik ist nicht allmächtig.“ Mit dieser dann doch realistischen Einschätzung endete eine Diskussion, die zum einen den Willen der Bürgerinitiative deutlich machte, sich bei dem Thema eine umfassende Sicht zu verschaffen. Die Differenzen in der Politik zeichneten dabei deutlich das Bild der gesellschaftlichen Diskussion wider. Konsens herrschte darüber, dass auf regionaler Ebene unbedingt das Gespräch zu suchen sei, um den Dorffrieden und damit ein lebenswertes Umfeld zu erhalten. Dazu müssten sich Bürger und Landwirte auf die Suche nach Kompromissen machen. Dieses scheint in Satrup auf einem guten Weg.


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